Entgleiste Erinnerungskultur: Bundesamt nennt Warschauer Ghetto-Aufstand „gewaltsame Ausschreitung“

Wo käme man bzw. wer käme wohl auf die Idee, den Aufstand im Warschauer Ghetto, bei dem sich die dort zusammengepferchten Juden gegen ihre Ermordung durch die nationalsozialistischen Verbrecherbanden wehrten, als „gewaltsame Ausschreitung“, also als eine Art von Rowdytum, zu bezeichnen? In einer Neonazi-Postille, die, warum auch immer, bisher noch nicht verboten wurde, wäre das wohl denkbar. Dem Vogelschiss-Historiker Alexander Gauland wäre das ebenfalls zuzutrauen. Es könnte auch von Erika Steinbach, seiner Schwester im blau-braunen Geist stammen, wenn sie wieder einmal die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten zum „größten Völkermord der Geschichte“ hochphantasiert und damit in geradezu strafwürdiger Weise die Shoa und die anderen Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert. Das wäre alles durchaus vorstellbar. Aktuell findet sich diese Charakterisierung des Ghetto-Aufstandes als Rowdytum allerdings in der Zeitschrift „Prägefrisch“, in einem Magazin, das hochoffiziell vom Bundesverwaltungsamt herausgegeben und an die Abonnenten der deutschen Euro-Sondermünzen, also einige Hunderttausend Menschen verschickt wird.

„Wenn die Sprache versagt“ ist der Artikel überschrieben, der die 2-Euro-Sondermünze vorstellt, die ab Oktober anlässlich des 50. Jahrestages von Willy Brandts „Kniefall von Warschau“ ausgegeben werden wird. Dabei zeigt der Artikel selbst ein Sprachversagen, wie es seinesgleichen sucht. Ausführlich beschrieben werden in dem Beitrag das schwierige (west)deutsch-polnische Verhältnis in der Zeit des Kalten Krieges, die Auswirkungen des international beachteten Kniefalls des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus, die dann einsetzende allmähliche Entspannung des Ost-West-Verhältnisses.

Nun fand dieser Kniefall ja nicht irgendwo in Warschau statt, sondern vor dem Denkmal für die Kämpfer des Ghetto-Aufstandes, und da muss der Artikel in der Zeitschrift des Bundesverwaltungsamtes natürlich auch auf dieses Thema eingehen. Das tut er aber – eigentlich schon schlimm genug – nur ganz am Rande. Und dabei heißt es dann über dieses Fanal des Widerstandes: „Im Jahr 1943 kam es während der deutschen Besetzung Polens im zweiten Weltkrieg zu gewaltsamen Ausschreitungen….

Gewaltsame Ausschreitungen? Waren da randalierende Hooligans am Rande eines Fußballspiels zugange? Geriet eine unerlaubte nächtliche Party alkoholisierter Feiernder außer Kontrolle? Herabwürdigender als hier kann man sich über die tapfer kämpfenden Ghetto-Kämpfer kaum äußern.

Nein, der Artikel wurde sicherlich nicht von eingefleischten Neonazis, keinen SS-Verehrern und Antisemiten verfasst. Hier waren vermutlich biedere gesetzestreue Beamte am Werk, die ohne jede böse Absicht handelten, denen aus sprachlichem Unvermögen, mangelnder Sensibilität oder fehlendem historischen Bewusstsein eine „unbedachte“ Formulierung einfach „nur durchrutschte“.

Also ist das nicht angesichts der zunehmenden Angriffe auf in Deutschland lebende Juden, angesichts der Morde von Halle nur eine Petitesse, die eigentlich kaum der Rede wert ist? Diese Angriffe auf Juden, die Morde von Halle ereigneten sich in einer Atmosphäre, in der nicht nur aus den Reihen der AfD und rechtsradikalen oder islamistischen Antisemiten eine antijüdische Stimmung angeheizt, die völkermordende Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten relativiert wird – sondern in der die so dringend notwendige Erinnerungskultur dagegen auch von staatlicher Seite viel zu oft nur halbherzig, mehr als Ritual denn als aktive Auseinandersetzung gefördert wird. Da kann es denn schon mal passieren, dass aus einem Akt des Widerstandes eine „gewaltsame Ausschreitung“ wird. Und wenn eine Behörde in diesem Zusammenhang von „gewaltsamen Ausschreitungen“ spricht, dann darf ein Gauland oder Höcke das doch ebenso. Und dann kann eingefleischter Judenhasser und Neonazi doch auf die Idee kommen, solche „gewaltsamen Ausschreitungen“ schon im Vorfeld zu ersticken.

Auch, wenn hier wohl nur ein „Fehler“ vorlag, der eben einfach „durchgerutscht“ ist – durchgehen lassen darf man solche „Fehler“ nicht.

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